Schwäbische Weihnacht: Heilig Aubad

Winterlandschaft Bildquelle: Reinhold Kiss / pixelio.de

Als gebürtiger bayrischer Schwabe erinnere ich mich an viele Weihnachten, an denen mein Vater das mittel-schwäbische Mundartgedicht “Schwäbische Weihnacht” auf seinem Plattenspieler am Heiligen Abend abgespielt hat und die Familie sich darüber jedes Mal köstlich amüsiert und gefreut hat. Am Ende des Gedichtes ist auch oft die eine oder andere Träne der Rührung geflossen.
Der “Heilig Aubad” ist für Nichtschwaben sicher schwer zu verstehen, übersetzen kann man ihn aber leider auch nicht.

Bildquelle: Reinhold Kiss / pixelio.de

Heilig Aubad

Em O’schuldskloid, em Jungf’reg’wand,
ziath d’r Wend’r iber’s Land.
Er setzt auf Däch’r weisse Kappa,
ma’ sieht’n in de Wiesa flagga.
Er maulad wia de greaschte Kenschtl’r
Bloamastreiß an alle Fenscht’r.
Er färbt Näsa roat ond blau,
brengt’s Nasatrepfle oft zum Stau.
Er setzt de Menscha – s’isch zum Heila –
auf’d Zeha de greaschte Wend’rbeila.
Aber grad auf’d Weiberleid
isch’r volla Haß und volla Neid.
Er blausad glei mit Zorakrämpf
durch dia denne Nailonstrempf.

De ganz Natur, ja Feld und Wald,
helt d’r Wend’r in d’r G’walt.
Em Gaata bliaht koi Rosaschteckle,
em Wald dus isch koi Moiagleckle.
Koi Gräsle laut er me gedeihe
mit seim G’friara, mit seim Schnaia.
Ond Veg’la, dia arme G’schepfla
hengad traurig ihre Kepfla.
Was schonscht Natur belebt und ziert
wird vom Wend’r streng regiert.
Still ond stumm isch Schtrauch ond Baum.
D’Natur dreimd ihren Wend’rdraum.

Fascht troschtlos wär des wendrig Leaba
det’s koi Weihnächta it geaba.
Ja, Weihnächta, Heilig Aubad, Heilig Nacht,
wieviel Illusion erwacht em Kenderherz,
wenn mit em Chrischtbaum farbig bont
s’Chrischtkendle in’d Stuaba kommt.
Doch eh des kommt, vor d’r Bescherung,
geid Muatt’r allgemein Belehrung:
Vat’r guck – so fangt se a:
“Dea Chrischtbaum schtoht doch ganz scheps da.
So verkripplat ond verzaust
hosch an auf’m Markt dont kauft.
Mit dera Gmoid – i mecht doch wissa –
bisch sogar als Chrischtkend b’schißa.
Hetsch sell oin rauf von Allmannshora,
des het nix koscht ond gäb koin Zora!”

Doch um da guata Frieda willa
setzt d’r Vat’r ganz em Schtilla
in des Beimle obadrei
feif, sechs falsche Eschla ei.
Na? S’Beimle staut. Ond wirkle wohr
es glänzt so schea wia jedes Johr.
Zwoi Kerzla mehr ond et’le Kugla
do soll a Kend’rherz it jubla?
D’Muatt’r schloift um Schuz, em Gretle
Schächtala, Schachtla, Pack ond Päckle
geheimnisvoll en’d Schtuba nei
ond breitet’s aus, omei, omei.
Jed’s G’schenk, ob tuir, ob billig,
wia isch des Muatt’rherz zmol willig.
Sie legt sogar no ihram Ma’
a Zweigle auf’s nui Hemad na.

S’Kend dus plärat, Zeit goht rom
ond au de greass’r Waar treibt om.
Von d’r Muatt’r, dia heit ganz verhetzt,
wird’s Kloischt no schnell auf’s Häf’le g’setzt.
Wo’s mea so kloine Racker geit
isch’s ganz g’wies koi Seltaheit,
daß Muatt’r schnell oims Fiedla drescht,
Nesa butzt ond G’sicht’r wäscht
ond d’rweil, wia’s Miatt’ra hant,
schnappat se so allerhand,
daß’s Chrischtkendle heit bsonders kennt,
ob’d Kender brav ond folgsam send.
Hä, wer kennt net den Muatt’rwitz:
Wenn’d net brav bisch, dann brengt’s fei nix.

Endlich, endlich, ja ka’s doch sei,
leitats Gleckle, zart ond fei.
Muatt’r nemmt jetzt b’sonders warm
da Audabutzl auf da Arm
ond so schtürmt mit Freid ond Jubel
d’r vollzählig Familientrubel
in’d Stuba nei ond em Moment,
wenn so schea d’r Chrischtbaum brennt,
wenn d’Sterawerfer, wia ihr wisset,
glenzet, leichtet, funklet, zischet,
ond im Kripple om da Schtall
Schäfla woidat fett ond prall,
no leichdet auf jed’s Kinderhezle
heller als a Chrischtbaumketzle.

Familienglück – wer kann’s erwäage –
wenn’s Chrischtkend kommt mit Gnad und Seaga.
Muatt’r sengt em hechschta To,
d’r Vat’r räuschperet Bumperto
ond Kend’r stemmat ei mit Freid,
doch — des Laidle goht ed weit.
En d’r zwoita Stroph bei Stille Nacht
bockat se scho schauderhaft.
Beendet wird des Liad am Stutzel
von Muatt’r’s kloinam Audabuzl.

Em Schdieble wird’s jetzt laut ond luschtig,
es herrscht de richtig Feschtakuschtig.
Em ganza Schdieble ommanand,
auf’m Tisch, am Ofabank
liegat G’schnekla, Spielzeig,
Wäsch, Krawatta,
Schuah, Led’rtäsche,
Hottageil mit neie Haur,
der gallopiert scho drei, vier Jauhr,
Doggamantla mit echte Zepf,
ma moin’t se hättat Wasserrkepf,
a Burg mit allem Zubeher,
Kanona, Flugzeig, Helm ond G’wehr
ond am Stuahl dehn, vis-a-vis,
Vat’r’s Kunschtwerk – d’Menaschrie.
Auto, Bulldog, goldne Säbel,
Deddybär mit Affaschnäbel,
Trompeta, Kroisl, dia schea klingat,
Schlaufazieg vo Muattr’s Hemad,
Wadaschtrempf ond Onterhosa,
Krischtall, Kermaik, Zuckerdosa
ond G’schirr ond Bettwäsch,
fall’s no g’lengt,
daß ma Docht’r an oin brengt.
Ond was ka a Muatt’r wenscha,
vielleicht an Wachsschtock, Schtrempf ond Hendscha.
Ond fier da Vad’r, wia’s halt isch,
schtaut a Fläschle Schnaps am Tisch.

Fascht zwoi Stund, o jerum jerum,
Daurat so a Chrischtbescherung.
Dia Stub, der Boda, der Verhau,
do sodeschd no a Freid dra hau.
Sodscht jetz schempfa, sodscht jetz lacha,
was soll do a Vat’r mache,
wenn zwoi Schtond em Kenderland
d’Kender ihra Freiheit hand.
D’r Doggl von d’r kloina Lies
fehlt scho a Fuaß – ond scheinbar’s Bieß,
d’r Deddybär mit Watschelohra
isch am Bobbo hautkrank wohra,
d’r Wiagagaul vom kloina Franz
hot se g’härat, samt’m Schwanz
ond’s greescht Mahleur am heil’ge Aubad ischt,
dass d’r Audabuzel ganz o’g’frauget
em Schweschterle, d’r kenft’ge Braut
in’s Zuckerdeasle bisslet haut.

Nauf ins Bett jetzt, schreit d’r Vad’r
jetzt hau i gnuag mit deana Racker.
Hentranand, wia jonge Entla,
wacklat Jugend mit de Gschenkla,
mit d’r halbkaputta Dogg’l,
mit’m Deddybär, dem Trott’l,
mit d’r Bloasa, mit’m Geile,
schnell ins Bett, huschhusch, mit Eile.

Sia schliaßat Eigla, schlaufat ei,
no oimol luagat Muatt’r nei
ond beatat, beatat, faltet Händ,
hält Zwiesproch mit em Jesuskend:
“Chrischtkendle, wia dank I Dir,
no haun I meine Kender all bei mir.
Es kommt dia Zeit, so isch im Leaba,
do muss’d Kender I in’d Fremde geaba.
Do duss, in dera groassa Welt,
führ’s Du, dass jedes recht duat ond it fällt.
Ond send se in d’r greaschta G’fauhr
erinnere’s Du an’d Jugendjauhr,
an all dia Leahra von d’rhoim.
Wenn’d mi erhersch’, dann bild’ m’r ei,
ob de send vom Glück begleitat,
od’r mit d’r Noad romschtreitat,
se werad sa, mei Scheanschts em Leaba,
wenn ma’s frauget,
war’d Kend’rschtub ond Heilig Aubad.

Allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Schwäbische Rezepte:
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-> Unterschätzte Rezepte: Schwäbische Kutteln

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