Vom Pesthemd und anderem Zauber

Der schwarze Tod

Ieşi din carne
ieşi din cioante
din cioante ieşi în piele
din piele ieşi afară

In den Zeiten, als man noch wenig über die Ursachen von Seuchen wie Cholera, Typhus oder der Pest wusste, erklärte man sich auch diese Katastrophen mit einem magisch-mythologischen Ansatz. Da man den Verursacher nicht ausmachen konnte, musste er einer unsichtbaren Welt angehören und über besondere Fähigkeiten verfügen, um den Menschen zu schaden. Krankheiten wurden oft mit Dämonen assoziiert, die in den Körper eindrangen oder an ihm zehrten und so die Symptome verursachten. Ihr Ursprung konnte im Dunkeln liegen oder wurde insbesondere in Rumänien auch gerne bei den -> Strigoii gesucht.
Zogen aber Seuchen über das Land, so konnte man klar erkennen, dass ein Dorf nach dem anderen davon befallen wurde und vermutete dahinter nicht selten ein umherziehendes Wesen. Während Gläubige darin die Strafe Gottes erkannten, wurde von vielen Menschen dieses Unglück bringende Wesen auch als bösartige alte Frau gedacht, die allein durch ihre Ankunft das Unglück brachte.

Die „Schwarze Wunde“

Die Pest wütete auf dem Staatsgebiet des heutigen Rumänien zwischen dem 14. und 18. Jhdt. immer wieder in Wellen und entvölkerte teilweise ganze Landstriche. Die Bezeichnung „der schwarze Tod“ leitet sich von den bläulich bis schwarzen Flecken der Beulenpest ab und in den rumänischen Fürstentümern war die Seuche als „Schwarze Wunde“ bekannt. In den alten Erzählungen wird die Pest auch mit einer dunklen oder schwarzen Wolke gleich gesetzt, die über dem betroffenen Dorf schwebt.

Der schwarze Tod
Der schwarze Tod

Von Rohrbach aus wurde die Pest in Haslach eingeschleppt, ein großes Sterben entvölkerte bald den Ort. Nur der Hirte, der bei der Herde im Welsetpirret war, blieb übrig. Der Rat, den ein Vogel gesungen hatte, Enzian und Bibernell zu essen, war seine Rettung. Er hörte fast den ganzen Tag das Sterbeglöcklein von Haslach herüber und sah über dem Markt die Pestwolke schweben. Als er aber eines Tages zu einer Kapelle ging, sah er auf einer Linde ein Wölklein hin und her schlüpfen. Schnell holte er sich einen Bohrer und bohrte ein Loch in den Stamm. Alsogleich schlüpfte die Pestwolke hinein, der Hirt verstopfte nun das Loch mit einem Pfropfen. Die Pest war eingesperrt, das furchtbare Sterben zu Ende.

Quelle: Anton-Joseph Ilk in „Die mythoepische Erzählwelt des Wassertales“

Die naheliegende Lösung war also, das Unwesen zu bannen oder mit List daran zu hindern, ein Dorf oder ein Haus zu betreten. Einer diese listigen Versuche war das Pesthemd, das Elemente des Sympathie- und Bannzaubers enthält.

Das Pesthemd

Bis ins 18.. Jhdt. herrschte die Vorstellung der Pest auch als besagtes altes Weib, das sich „auf seinem langen, mühseligen Wege nur von Herzen der Menschen und Tiere nährt“ und im Volksmund auch als Maica cälätorarea, die reisende Mutter bekannt war. In der Reihe der Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien von 1907 wird beschrieben, dass sich dazu eine Anzahl von sieben, manchmal auch neun Frauen versammeln musste, um innerhalb einer Nacht das Material für ein Hemd zu spinnen, zu weben und zu nähen. Dieses Hemd wurde dann als Puppe mit Stroh ausgestopft und im Morgengrauen am Dorfrand an einem Baum aufgehangen. Manche Quellen geben an, dass es sich dabei um einen Birnbaum handeln musste.

In der evangelischen Kirchenburg von Cincşor ist in einem Wehrturm die Herstellung des Pesthemds so beschrieben, dass ebenfalls an einem Abend sich neun Frauen im Haus einer der Frauen treffen müssen und Flachs kochen, kämmen, spinnen und bleichen müssen, um daraus Leinen zu weben. Daraus muss in der selben Nacht ein Hemd gefertigt werden.

Der pflanzliche Stellvertreter der Menschlichen, der Flachs, wird sozusagen der Sündenbock der Gemeinschaft und die Qualen, die er zu erleiden hat – beschnitten, gekocht, gehackt und in etwas anderes, als er vorher war, verwandelt -, das zeigt die Qualen des Opfers an.

Quelle: Ausstellung in Cincşor – „Traditionelle naive Malerei aus Siebenbürgen“

Danach wird das fertige Pesthemd dann an eine Wegkreuzung gebracht, die im rumänischen Volksglauben eine wichtige Rolle spielt, oder an die Grenze zweier Gemarkungen an einem Pfahl plaziert. Diese Platzierung an einer Grenzeerinnert an die westeuropäischen Zaunreiterinnen, die sozusagen auf dem Zaun als Grenze zwischen der wahrnehmbaren Welt und der Geisterwelt reiten.
Die Pest nahm daraufhin das Hemd und zog weiter, da sie ihren Anteil erhalten hatte.

Ein weiterer Zauber gegen die Pest bestand darin, dass 12 junge Männer und 12 Jungfrauen sonntags bei Neumond mit Pflügen Furchen rund um das Dorf zogen. Die Pflüge mussten von ihnen selbst gezogen werden und alles musste schweigend geschehen. Obwohl sie dabei völlig nackt waren, durfte keinerlei Erregung aufkommen und man durfte sich weder ansehen noch berühren.

Dass in allem Zauber und Aberglauben auch viel Phantasie und Poesie steckt, zeigt der letzte Satz aus der Kirchenburg zu Cincşor:

Und die Drachen, die laut Tradition nicht unbedingt schlecht sind, die haben in letzter Zeit anscheinend begonnen sich zu verstecken.

Quelle: Ausstellung in Cincşor – „Traditionelle naive Malerei aus Siebenbürgen“

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